Muskelfaserriß ist viel besser als Thrombose
Berg-Peer Janine 17. Oktober 2009
Krankheiten sind ein unangenehmes und langweiliges Thema, aber in unserem Alter nicht ganz zu vermeiden. Die letzten Wochen haben mir gezeigt, dass es aber gute Krankheiten und schlechte Krankheiten gibt. Ganz schlecht ist Thrombose. Dr. G. hat den Verdacht auf Thrombose bei mir. Ich bin entsetzt. Thrombose? Haben das nicht nur dicke alte Männer? Spritzen in den Bauch, Stützstrümpfe? “Stämmige alte Frauen haben das auch,” bemerkt Dr. G. kühl. Und als Therapie sehr viel abnehmen und sehr viel Bewegung. Das ist der endgültige Abstieg, die endgültige Niederlage. Das beweisen die Reaktionen der Umwelt. “Thrombose? Oh, damit ist nicht zu spaßen (auch so ein blöder Ausdruck, wer käme denn auf die Idee, mit einer Krankheit zu späeßen? Und überhaupt, wie spaßt man eigentlich?).” Und dann kommt der endgültige Todesstoß: “Das hat meine Oma auch, die muss immer so fleischfarbene Stützstümpfe tragen und darf auch nicht fliegen, oder nur mit einer Spritze in den Bauch vorher.”
Darf man eigentlich Spritzen im Gepäck mitnehmen? Nur mit Attest? Und wer prüft, was in den Spritzen drin ist? Das Fiese ist, dass der Hinweis auf die Stützstrumpftragende Oma von Menschen kommt, bei denen ich nie dachte, dass ich im Alter ihrer Oma wäre. Die sind doch gar nicht so viel jünger als ich? Mit der Thrombosendiagnose ist man endgültig in die Kategorie von Gicht, Ateriosklerose, Weichteilrheuma nund Magensäure gerutscht. Alle betrachten einen mit einem beunruhigten, aber, wie ich finde, auch etwas angewiderten Gesichtsausdruck. Und das kann ich verstehen. Auch ich denke bei Thrombose an welkes, ältliches, weissliches Fleisch, in das eine Spritze gepiekt und das durch einen kompakten Gummistrumpf noch zusammengehalten werden muss.
Aber eine Woche später kommt die Entwarnung: Ich habe keine Thrombose, sondern einen Muskelfaserriß. Na, das ist doch etwas anderes. Nun trage ich stolz meinen Zinkleimverband um mein schmerzendes Bein, humpele ein bisschen und bekomme als Reaktion der Außenwelt keine Bemerkungen um hinfällige Omas, sondern die Frage “Beim Joggen?” Hier zeigt sich wieder, dass Lügen das Leben deutlich einfacher macht. “Na, nicht gerade Joggen, ich walke eher in meinem Alter.” “Ach, Sie sind doch noch gar nicht so alt,” bekomme ich nun als Reaktion. Kein Hinweis auf Omas, keine Assoziation von Stützstümpfen und ungelüfteten Wohnungen. Nein, wir lächeln uns zu, so von Sportler zu Sportler “Künstlerpech!”. “Klar. Bleibt nicht aus.” Wir verstehen uns und tauschen noch Ratschläge über passende Themokleidung und notwendiges Aufwärmen aus. “Wird schon,” verabschiedet sich mein Gesprächspartner kollegial.
Das sollte uns Alten eine Lehre sein. Wer weiß denn schon, ob sich hinter dem verbundendenen Bein eine Thrombose oder eine Sportverletzung befindet? Ob es sich um einen Stützstrumpf oder einen Zinkleimverand handelt? Niemals die Wahrheit sagen. Keine Krankheit, die an alte Leute und Verfall erinnert. Sportverletzungen sind prima. Grippe geht natürlich auch.
Aber vielleicht sollte ich wirklich etwas abnehmen? Oder vielleicht zum ersten Mal in meinem Leben ein bisschen walken? Oder wenigstens einen Spaziergang machen? Denn den Schock einer Thrombosendiagnose möchte ich nicht nochmal erleben.
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